Betrachtung der Schöpfung

Wenn wir die Schöpfung betrachten, erkennen wir, dass jedes Geschaffene in sich vollkommen ist. Nichts besteht zufällig; alles folgt einer Ordnung und ist auf das Gesetz Gottes hin geschaffen. Die Erde kreist um die Sonne, der Mond um die Erde, und die Sterne ziehen ihre Bahnen. Das Zusammenspiel zwischen Fauna und Flora und die stetigen Anpassungen aller Lebewesen zeigen: Alles hat seinen Grund, der im Kern vom Göttlichen stammt. Gott hat die Schöpfung vollendet, und genau deshalb bedarf es keiner ständigen Aufsicht.

Darum erscheint uns die Welt oft unberechenbar – nicht weil Gott fern wäre, sondern weil jedes Geschaffene in seiner eigenen Weise handelt. Die Selbständigkeit ist es, welche Unsicherheit und Ungewissheit erzeugt, denn wir können ihren Ursprung nicht ergründen. Alles, was ist, entspringt dem Geheimnis Gottes, und dieses Geheimnis übersteigt unser Denken.

Die Ungewissheit trifft den Menschen in besonderer Weise. Denn der Mensch ist mit freiem Willen geschaffen und wurde mit seinem Geist zum Abbild Gottes geformt. Der Mensch darf: wählen, handeln, irren und wachsen. Doch genau diese Freiheit macht sein Leben unsicher, denn sie bedeutet, dass die Zukunft uns ungewiss ist. Wir wandeln im Dunkel, weil unser Wissen begrenzt ist und unser Urteil oft von Leidenschaften getrübt wird. Aus diesem Grund erkennen wir das Rechte meist erst am Ende, wenn die Folgen unseres Handelns offenbar werden.

Der Mensch ist nicht geschaffen, um für alles Verantwortung zu tragen, alles erklären zu können oder stets recht zu handeln; denn wir sind auf Erden unvollkommen. Da Gott nicht über die Welt herrscht wie ein Mensch über sein Kind, wäre es falsch zu sagen, Gott sei schuld an Naturkatastrophen, schweren Schicksalsschlägen oder mangelnder Nächstenliebe. Gott liebt seine Schöpfung und findet so sehr Gefallen an ihr, dass er selbst Teil seiner Schöpfung wurde – nicht weil er musste, sondern weil er es um unseres Heiles willen wollte. Er lebt mit uns und leidet mit uns. Gott versteht uns und hat uns mit seinem Sohn, unserem Herrn Jesus Christus, nicht nur erlöst, sondern auch gezeigt, wie ein vollkommener Mensch lebt: nicht in Allwissenheit, sondern im Vertrauen auf Gott den Vater. Durch das Leben Jesu können wir den Schluss fassen, dass das irdische Leben nur von kurzer Dauer ist; und auch wenn wir vom Ewigen nur ein Bruchteil wissen, so ist es uns doch bereits zugesprochen durch das Leben, das Sterben und die Auferstehung Christi.

So ist die Liebe Gottes ein Geschenk, das wir im Laufe unseres Lebens ergründen dürfen. Wer auf Gott den Herrn vertraut, vertraut nicht auf sein eigenes, unvollständiges Wissen, sondern auf den Ursprung aller Weisheit. Der freie Wille ist darum ein Segen und eine Prüfung zugleich: Segen, weil wir gestalten, schaffen und wirken können; Prüfung, weil wir zuerst erkennen müssen, dass wir stets in unseren Schwächen gebunden bleiben und diese unsere Urteile beeinflussen.

Die Menschheit als Ganzes erscheint groß und imposant, doch der einzelne Mensch ist nur ein kleiner Teil des Ganzen und dennoch von Gott geliebt. Im Angesicht der gesamten Menschheitsgeschichte schaut Gott nicht auf unseren Beitrag, sondern auf unser Herz und dessen innere Haltung. Denn es ist nicht unsere Leistung, die zählt. Irdisches vergeht: Reiche fallen, Ideologien vergehen, Werke zerbrechen. Nichts außer Gott überdauert die Zeit.

Darum bleibt die Frage: Was ist der Grund unseres Seins? Es liegt im Erkennen, dass wir ohne Gott verloren sind – nicht erst im ewigen Leben, sondern schon hier und jetzt auf Erden. Eine Seele, die sich selbst verliert, gleicht einem Blatt, das vom Wind getrieben wird, bis es schließlich dem natürlichen Verfall unterliegt. Doch der Mensch ist für mehr geschaffen als für bloß irdisches Wirken. Wer an die Tür seines Herzens klopft, dem wird geöffnet; wer sucht, der findet; wer fragt, dem wird geantwortet – Weisheiten, die uns unser Herr Jesus Christus bereits vor beinahe zwei Jahrtausenden zusprach.

Es ist töricht zu glauben, wir hätten die Antwort auf alles. Der Mensch besitzt viele Mittel, doch er verschwendet sie oft an vergängliche Dinge: an Trends, Ideologien, Intrigen und andere Früchte der Menschheit. Stattdessen soll er auf das schauen, was ihm aufgetragen ist. Denn jeder Mensch hat seinen eigenen Weg und seinen eigenen Auftrag, mit dem er seinen Beitrag zur Geschichte leisten kann – nicht im Urteil über den anderen, sondern im treuen Wandel mit Gott.